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individuelles lernen

 

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Individualisiertes Lernen                                                                                                            

 

Veränderung:

Schüler/innen lernen individuell

 

Die Anforderungen an die Schule haben sich massiv geändert

Die Schule, in welcher eine Lehrperson vor zwanzig, dreissig oder mehr Kindern seinen Stoff lehrt, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Aufgrund der damaligen Anforderungen an das Können zukünftiger Erwachsener hat diese Schulform lange Zeit womöglich genügt. Viele von uns haben sie noch so oder ähnlich kennengelernt. Ziel der Schule war es, allen möglichst das Gleiche beizubringen.

Rasenmäher

Aufgrund der aktuellen Bevölkerungszusammensetzung und der massiven gesellschaftlichen Veränderungen können die heutigen Kids als künftige Erwachsene den an sie gestellten Forderungen für das 21. Jahrhundert in einem Bildungsinstitut mit Räumlichkeiten und Methoden aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr genügen.

Kinder entwickeln sich sehr unterschiedlich

Die Forschung zeigt uns, dass der Entwicklungsstand eines 13-jährigen Kindes (sprachlich, motorisch, sozial, …) je nach Individuum in der Bandbreite dem eines 8-jährigen bis etwa 16-jährigen Kindes entspricht. Das heisst, ein 13-jähriger kann sich z.B.: sprachlich auf dem Entwicklungsstand eines 8-jährigen bis zu dem Stand eines 16-jährigen befinden. Unsere Schule reagiert aber mit dem bestehenden Jahrgangssystem so, dass sie versucht, sowohl dem 8-jährigen als auch dem 16-jährigen die gleichen sprachlichen Lerninhalte beizubringen. Der ehemalige Kinderarzt Remo Largo hat dieses Phänomen intensiv erforscht.

Die Grafik unten zeigt die Bandbreite des individuellen Entwicklungsstandes von 20 13-jährigen Mädchen und 20 gleichaltrigen Jungen auf. Ein 13-jähriges Mädchen ist auf dem Entwicklungsstand einer 16-Jährigen, ein 13-jähriger Junge ist auf dem Entwicklungsniveau eines 8 1/2-Jährigen. Der Rest ist auf die ganze Bandbreite verteilt. In der Regel besuchen diese Kinder alle die gleiche Jahrgangsstufe, müssen also den gleichen Stoff lernen.

Entwicklungsstand von 13-Jährigen

largo1

Zudem wurde auch erforscht, dass Kinder eine hohe Lernmotivation (die bei allen Kindern naturgemäss vorhandene Neugierde!) haben und beibehalten, wenn sie im richtigen Ausmass gefordert werden. Also weder unter- noch überfordert sind. Die Erfahrung zeigt, sowohl Unterforderung als auch Überforderung zerstören längerfristig die Lernmotivation, machen die vorhandene Neugierde kaputt!

Das Bild unten karikiert die Lernsituation von vielen Kindern, die aufgrund ihres unterschiedlichen Entwicklungsstands und ihren verschiedenen Lernvoraussetzungen von einer Aufgabe unter- bzw. überfordert werden.

klettert 

Allgemeines Ziel für alle: Klettern

So geht es dabei den verschiedenen Tieren:

+ Der Affe freut sich, er wird die Aufgabe problemlos meistern

+- Je nach Vogelart wird es der Vogel auch schaffen, auf den Baum zu klettern

- Der Elefant hat keine Chance

- Der Hund wird sich schwer tun

- Die Robbe ist auf verlorenem Posten

- Der Fisch bekommt nicht einmal die Aufgabe mit

 

Jede/r erkennt sofort, dass das gesteckte Ziel für die verschiedenen Tiere sehr ungerecht und unrealistisch ist.

Vielen Kindern und Jugendlichen geht es so auch immer wieder im Unterricht!

 

Das lässt sich mit Menschen anschaulich am Beispiel der sportlichen Disziplin Hochsprung darstellen.

Dabei ist für uns alle ersichtlich und logisch, dass diese drei unterschiedlichen Typen unten auf dem Bild nicht dieselbe Leistung im Hochsprung erbringen können!

Hochsprung 

Schauen wir uns den eher nicht so sportlichen Menschentyp A etwas genauer an. Drei verschiedene Individuen (A1, A2, A3), die aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen einfach nur eine geringe Höhe schaffen, können denoch über andere Stärken oder auch Schwächen verfügen. Das heisst, diese drei haben unterschiedliche individuelle Stärkenprofile.

3x typ a

Mit sogenannten Kompetenzrastern kann man das individuelle Leistungsprofil einer Schülerin/eines Schülers darstellen. Daraus ergibt sich, in welchen Bereichen sie/er weiter gefördert bzw. gefordert werden muss, bzw. seine Leistung verbessern kann. Im Kompetenzraster unten sind die drei unterschiedlichen Profile von A1, A2, A3 dargestellt. Die unten gezeigten Raster beziehen sich, der Anschaulichkeit halber, auf wenige Fachbereiche.

Blau eingefärbt sind im linken Raster die unterschiedlichen vorhandenen Stärkenprofile der drei A-Typen (im Hochsprung schwach). Rechts ist orange markiert, auf welchem Niveau trainiert werden muss, um erfolgreich weiterzukommen. Schüler/innen, die in einem Bereich schon Spitzenleistungen erbringen, können dann zum Beispiel in diesem Fachbereich an speziellen Projekten arbeiten in dem sie ihre Stärken einsetzen und weiter ausbauen können.

Drei verschiedene A-Typen: Standortbestimmung      Drei verschiedene A-Typen: Förderprogramm

Kompetenzraster     Förderbereiche

Jeder Mensch hat ein individuelles Stärken- und Schwächenprofil. Dies ist abhängig von seiner Herkunft, den genetischen Voraussetzungen, seiner sozialen Umgebung, seiner Erziehung, seinen physischen Voraussetzungen und dem, was er bisher in seinem Leben gelernt hat. Das betrifft das fachliche Wissen, das methodische Vorgehen, die Art des Denkens und das soziale Verhalten eines jeden Menschen, sowie letztlich auch die Werte, die ein Mensch vertritt. In einem erfolgreichen Unterricht wird den Lernenden die Möglichkeit geboten, individuelle weitere Lernschritte dort zu machen, wo sie im Moment gerade stehen.

Differenzierung heisst: Ein Lernziel oder eine Kompetenz wird in Teilbereiche gegliedert, Teilbereiche werden in einzelne kleinere oder grössere Lernschritte aufgeteilt. Lesen zum Beispiel besteht aus den Teilbereichen: Aussprache, Lautstärke, Lesefluss, Leserichtigkeit, Lesetempo, Betonung, Rhythmisierung, etc.

Beispiel Kompetenzraster mit Standortbestimmung und Trainingsprogramm Lesen:

KR Lesen   TP lesen

Schüler/innen arbeiten gezielt in einem Teilbereich und machen dort individuelle Lernfortschritte. Das führt zu einem spürbaren Lernzuwachs in diesem Teilbereich. Dieser individuelle Lernprozess der einzelnen Schüler/innen findet innerhalb der gleichen Lerngruppe statt und wird dort regelmässig reflektiert. Die Erfolgserlebnisse und positive Rückmeldungen von aussen halten die Lernmotivation aufrecht. ES gibt schon einige Schulen, in denen dieses individualisierte Lernen selbständig  in sogenannten Lernateliers stattfindet. Lehrpersonen und stärkere Schüler stellen sich beratend als Coach zur Verfügung.

Die Rolle der Lehrperson hat sich dadurch in vielen Bereichen verändert. Lehrerinnen und Lehrer sind Profis:

  • im Erkennen von individuellen Stärken und Schwächen der Schüler/innen
  • im Unterstützen der Selbsteinschätzung der Schüler/innen
  • in der Methodik des individuellen Förderns
  • im Erkennen des machbaren Ausmasses der Individualsierung

Ausserdem pflegen die Lehrpersonen eine entsprechende Haltung:

  • jede Schülerin und jeder Schüler hat ein Recht darauf, optimal gefördert und gefordert zu werden
  • eine gute Leistung wird gemessen am Lernzuwachs und nicht einzig an der höchsten Anforderung

Menschen, die noch die Schule von früher kennen (also jeder) gehen immer noch zu oft davon aus, dass diese Form von Individualisierung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dem ist bei weitem nicht so. Allerdings muss der Unterricht und müssen die Lernformen ziemlich massiv verändert werden, damit diese Kultur einziehen kann.

Es braucht neue Instrumente zum Erkennen von Stärken und Schwächen der Schüler/innen. Es braucht anderes Lernmaterial und neue Lernformen. Es braucht eine neue Anleitung zu methodischer Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Es braucht möglicherweise andere Räume, eine andere Stundentafel, mehr Teamarbeit, etc. Aber ich kenne Schulen, die haben das umgesetzt. Und es funktioniert. Und die Lehrpersonen sind dabei zufrieden und glücklich.

Gelingensbedingungen für Individualisierung und Differenzierung:

a) der Rahmen

  • es braucht einen gut strukturierten Rahmen und Regeln für individuelles, selbständiges Arbeiten (Planarbeit, Werkstattarbeit, Projektarbeit)
  • Schüler/innen müssen diesen Rahmen kennen(lernen) und einüben
  • es herrscht (zum Beispiel in einem Lernatelier) eine ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre

b) Methoden

  • gut eingeübtes Methodenrepertoire (Arbeitsanweisungen lesen, Mindmapping, Selbstkontrolle, Ablage, ...)
  • ein differenziertes Angebot an Übungsmaterial zum erlernen der verschiedenen Kompetenzen (* ** ***Übungen, Karteien, Arbeitsblätter, PC-Benutzung, Bücher, Nachschlagwerke, ...)
  • eingeübte Partner- und Gruppenarbeit, eingeübtes kooperatives Lernen     

c) Rolle der Lehrperson

  • Jede Lehrperson muss - als Teil eines Schulteams - bereit sein, sich in dieses System einzuarbeiten und seinen Beitrag in Form von Arbeitsmaterial und Austausch zu leisten
  • Die Lehrperson hat Zeit und Ruhe für individuelle Beratung
  • es gibt ein Kontrollsystem (Arbeitsplan, Logbuch, Klassenliste, ...)
  • Die Lehrpersonen fördern Eigeninitiative und Selbständigkeit der Schüler/innen

Wichtig:

Die Erziehung zu selbständigem Arbeiten und Kooperationsbereitschaft ist für diese Art von Lernen eine unumgängliche Voraussetzung.

 

Fortsetzung folgt

 

Zum Thema habe ich Erfahrungen, Material und weitere Informationen

Bei Interesse bitte Kontaktaufnahme über info@thomas-w-baumgartner.ch

 

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