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Website von Thomas Baumgartner

Weltentwicklung

Wohin steuert unsere Welt?

Das Problem sind nicht Leute wie Trump, Assad, Marie le Pen oder Erdogan, sondern die Tatsache, dass eine breite dumpfe meinungslose Masse durch ihre Lethargie und ihre Untätigkeit in vermeintlich demokratischen Prozessen solche Menschen als Führer zulassen...

Kurzkrimis

Sinnloser Tod

Carla hat noch genau eine Viertelstunde zu leben. Sie steht vor dem grossen goldgerahmten Spiegel in ihrem hübsch eingerichteten Schlafzimmer und versucht, ihr üppiges Haar mit einer Bürste zu bändigen. Ihre Kleider hat sie sorgfältig auf dem Bett ausgebreitet. Sie ist frisch geduscht und ein Hauch von...

Kurzgeschichten

Am Abgrund

Phantastisch! Phänomenal! Grossartig! Unfassbar mächtig und stark. Ich kann es kaum glauben. Wie kann etwas so gewaltig sein? Ich meine, ich bin nicht so der Gefühlsmensch, eher nüchtern und sachlich. Ich lasse mich normalerweise nicht so schnell beeindrucken. Doch das ist jetzt wirklich...

Begegnungen

Einfach so

Die schöne Stadt St. Gallen lädt zum Flanieren ein. Die Sonne strahlt, es ist noch kalt, jedoch zeichnet sich eine vage Vorahnung auf den Frühling ab. Ungeachtet dessen eilen viele Menschen, hauptsächlich sind es junge, durch die Gassen und scheinen unglücklich zu sein. Sie tragen ihr Gesicht, als ...

Am Abgrund (eine fiktive Geschichte)

20215

Phantastisch! Phänomenal! Grossartig! Unfassbar mächtig und stark. Ich kann es kaum glauben. Wie kann etwas so gewaltig sein? Ich meine, ich bin nicht so der Gefühlsmensch, eher nüchtern und sachlich. Ich lasse mich normalerweise nicht so schnell beeindrucken. Doch das ist jetzt wirklich umwerfend. Ich spüre ein leichtes Vibrieren in meiner Brust, ein befreiendes Gefühl durchströmt meinen Körper. Meine Augen werden feucht. Leise beginne ich zu zittern. Ich atme durch. Ich muss langsam durch die Nase einatmen. Ganz ruhig. Geniesse diese inner Flut! Ich spüre wie sich die Härchen an meinen Armen aufstellen. Wie ein Schaudern durch meinen Körper wandert. Ein Lied fällt mir ein. Die Melodie summt in mir. Die Stimmung erfüllt mich mit stiller Freude. Alles passiert so unerwartet. Ich bin glücklich. Ich spüre dieses reine und unverfälschte Glück, das von mir Besitz ergriffen hat.

Ganz allein wollte ich sein. Abschalten. Weg vom Beruf. Von Zuhause. Ich fühle mich ausgebrannt, erschöpft, niedergeschlagen. Der Berufsalltag ist unerträglich. Das Klima im Betrieb ist schrecklich, der neue Chef hat keine Ahnung von Personalführung. Ausserdem scheinen die jüngeren Mitarbeiter viel besser mit ihm zurechtzukommen, als ich. Caroline, die neue Sekretärin, lächelt mich zwar immer freundlich an, ich habe jedoch den Eindruck, dass sie mir hinter meinem Rücken den Stinkefinger zeigt. Aufträge, die ich früher locker schaffte, fallen mir immer schwerer. Das neue Mitarbeiterqualifikationsverfahren macht mich krank. Jeden Tag muss ich mich im Computer einloggen, Fragen zu meiner Selbsteinschätzung ankreuzen, Zielformulierungen überprüfen – was für ein Schwachsinn! Im letzten Mitarbeitergespräch erfuhr ich, dass im Bereich Arbeitsmethodik bei mir Weiterbildungsbedarf bestehe. Es seien sechs Abendmodule vorgesehen. Natürlich in der Freizeit. Wenn ich mich in diesem Bereich nicht verbessern könne, müsse ich mit einer Rückstufung rechnen. Wie lange werde ich das noch durchstehen?

Dann die ewigen Nörgeleien meiner Frau. Sie machen mich fertig. Ich ertrage es einfach nicht mehr. Nichts kann ich ihr mehr recht machen. An allem mäkelt sie herum. Selber ist sie unzufrieden. Praktisch jeder Wortwechsel führt zum Streit. Wir haben schon lange kein normales Gespräch mehr geführt, geschweige denn, irgendwelche Zärtlichkeiten ausgetauscht. Im Bett drehen wir uns den Rücken zu, jeder hängt seinen Gedanken nach, liest noch ein paar Zeilen, dann wünschen wir uns gegenseitig ein gewohnheitsmässiges „Gutenacht Schatz“. Darauf folgt ein liebloser Kuss. Am Morgen hetzen wir beide nervös in der Wohnung herum, sie sucht die Brille, das Handy und fragt mich mehrmals, „…sitzt die Hose, macht sie mich dick? Passt diese Bluse? Sehe ich darin nicht alt aus?“ Was soll ich sagen? „Ja, du bist dick geworden“ und „ja, du siehst alt aus?“

Gleichzeitig trinke ich stehend einen Kaffee und suche meine Unterlagen zusammen, die ich gestern schon einpacken wollte, was aber aufgrund einer Auseinandersetzung mit meinem Sohn Thomas wieder in Vergessenheit geriet. Unsere Ehe ist in der Krise. Wie konnte es nur soweit kommen? Unsere gemeinsamen schönen Erinnerungen sind in einem dunklen Verliess des Vergessens versunken. Ach, wie waren wir damals glücklich, als wir uns kennenlernten. Dieses grenzenlose Verliebtsein, dieses wohltuende Verschmelzen zweier Seelen. Die Hochzeit war prächtig und die Vorfreude auf unsere Tochter hat uns fast zum Wahnsinn getrieben. Wann hat sich das alles still und heimlich davongeschlichen? Wann und wie hat sich diese schwerelose Phase in Nüchternheit und letztlich in bleierne Routine verwandelt? Sind wir soweit, dass wir getrennte Wege gehen sollten? Hat es noch Glut im Ofen oder ist nur noch kalte Asche übriggeblieben? Fragen, Zweifel und Angst begleiten mich jeden Tag, zermartern mein Gehirn und lasten als schwerer Klumpen auf meinem Magen.

Alexandra, unsere 15-jährige Tochter, pubertiert in höchstem Masse. Ihr Vater ist ein Arschloch, die Mutter nervt extrem, spinnt meistens und unsere Wohnung ist ihr zu klein. Kürzlich habe ich aus Versehen das Badezimmer betreten, als sie eben dabei war, ihre Schamhaare zu rasieren. Mein Gott, mir war es hinten und vorne nicht recht. Ich schaute gar nicht hin, drehte mich sofort wieder weg und wollte verschwinden. Sie schrie: „Du Perversling, möchtest du gerne deine Tochter ficken?“ Ich war perplex. Wie kam sie auf solche Gedanken? Ich habe sowieso in letzter Zeit den Eindruck, dass sich bei ihr alles nur noch ums Äussere dreht. Sie muss möglichst gut aussehen und sexy rüberkommen. Sie schminkt sich, als hätte sie schon am Morgen einen Partybesuch vor. Ihre Kleider sind eng und kurz, ihre Blusen haben Ausschnitte, die mehr offenbaren als sie verbergen. Was ist nur aus meiner lieben kleinen Alexandra geworden? Zum Essen erscheint sie nur noch unregelmässig, grad so, wie es ihr passt. Ausgehen will sie nach eigenem Gutdünken, beim Freund übernachten und am liebsten von zuhause ausziehen. Die Schule ist ihr egal, eine Lehre kommt nicht in Frage. Ihr Leben findet in Facebook, in Twitter und in ihrem Smartphone statt. Meine Frau sagt nichts, erwartet jedoch von mir, dass ich endlich einmal ein klares Machtwort spreche.

Thomas, mein 12-jähriger Sohn, hat eine Schulkrise. Besser gesagt, eine Generalkrise. Im Gegensatz zu Alexandra wäscht er sich kaum noch. Er trägt wochenlang die gleichen Kleider, kämmt sich nicht und lässt im ganzen Haus seine Sachen liegen. Er stinkt. Seine Schulsachen und andere Dinge liegen wild und teilweise zerfetzt in seinem Zimmer herum. Dort sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Kürzlich kam er blutend und verschlagen aus der Schule. Als ich mit ihm reden wollte, zeigte er mir nur die Faust, liess ein paar Trännen übers Gesicht laufen und verschwand in seinem Zimmer. Wenn er zu Hause ist, verkriecht er sich in seinem Refugium und verabschiedet sich in Computerspiele. Mit Kopfhörer von der Umwelt abgeschirmt und starrem Blick auf den Bildschirm gerichtet, entflieht er der Welt. Gestern hat sein Klassenlehrer angerufen, er müsse dringend ein Gespräch mit uns führen. Die schulische Situation von Thomas sei sehr ernst und er wisse nicht mehr weiter. Da meine Frau kaum Zeit hat und auch findet, sie kenne ihren Sohn ja eigentlich nicht, muss also der Papa herhalten.

Mir geht es nicht gut. Seit Wochen spüre ich immer wieder diesen Druck in der Herzgegend. Sobald ich es bemerke, wird es schlimmer. Es zieht und sticht, ausserdem habe ich den Eindruck, es strahlt in den Hals und Rücken aus. Ich habe angefangen regelmässig Aspirin zu nehmen. Sicherheitshalber. Es soll blutverdünnend wirken und mich so vor einem möglichen Infarkt schützen. Auch sonst fühle ich mich unwohl. Mein Appetit hat nachgelassen. Ich habe keine Lust mehr, richtig zu essen. Das Einzige was mir hilft, ist der Alkohol. Ich habe mich daran gewöhnt, wenn es mir schlecht geht, jeweils einen, zwei Schluck Grappa zu trinken. Dazu habe ich mir einen unauffälligen Flachmann gekauft. Ich greife an meine Brusttasche und spüre die beruhigende Härte der Metallflasche darin.

Es sind diese Sorgen, Zweifel und Fragen, die diese innere Leere in mir erzeugt und mich in die Flucht getrieben haben. Ich stehe irgendwie ausserhalb von mir, spüre mich selber nicht mehr. Mein vergangenes Leben hängt wie ein schwerer nasser Sack über meinen Schultern. Was habe ich bisher erreicht? Wo stehe ich? Macht das alles einen Sinn? Sind das Prüfungen, die mir auferlegt wurden, um mich zu testen? Wo ist mein Selbstbewusstsein geblieben, wo meine frühere Stärke, mein Durchhaltvermögen, meine Lebensfreude? Mein Gott – wenn es dich denn geben sollte – hilf mir aus diesem Schlammassel heraus!

Jetzt stehe ich hier. Ich versuche zu realisieren, wie es mir im Moment geht. Die Schwere meiner Gedanken hat die eben noch vorhandene Euphorie kräftig abklingen lassen. Doch endlich spüre ich wieder einmal, wie meine Füsse auf festem Boden stehen. Es ist dieser Felsvorsprung, der mich bei unseren Wanderungen im Appenzellerland, die früher noch regelmässig stattfanden, immer wieder angezogen hat. Die Kombination von Abgrund, stabilem Stand auf sicherem Boden und grossartiger Aussicht haben mich immer fasziniert. Unter mir fällt eine steile Bergwand senkrecht hinab. Meine Frau hat mich immer gewarnt: „Pass auf Schatz! Geh nicht zu weit vor!“ Unsere Kinder haben wir jeweils zurückgehalten, damit sie nicht aus Versehen abstürzten. Meine Füsse befinden sich jetzt kurz vor der Felskante. Mit einem leichten Schaudern blicke ich die steile Felswand hinab.

Ich löse meinen Blick vom Abgrund und geniesse die herrliche Aussicht. Einfach phantastisch! Wirklich unfassbar mächtig und stark. Mir gegenüber, fast greifbar nah, liegt das Alpsteingebirge. Dieses charaktervolle und eigenwillige felsige Ungetüm mit seinen unzähligen Kanten und Zacken, durchzogen von Felswänden und kargen Geröllhalden mit wenig Grün dazwischen. Es ist umringt von einem dunkelgrünen Band von Tannen und Büschen gebettet auf saftig grüne Wiesen, die sich langsam flächer werdend ins Tal hinab ausstrecken. Vom Säntis bis zum hohen Kasten und seinen Ausläufern liegt das Alpsteinmassiv entspannt vor mir. Ich habe es mehrmals durchwandert. Im Schweisse meines Angesichts habe ich meine Frau und später auch die Kinder über schmale Grate geführt, wir sind steile Abhänge hinauf- und hinuntergeklettert. Jetzt blicken diese Berge stolz zu mir herüber. Im warmen Licht der Abendsonne wirken sie wie verzauberte Hünen. Jahrtausende haben sie Unwettern und Klimaveränderungen standgehalten. Scheinbar sorglos haben sie alle Auswüchse der Natur unbeschadet überstanden. Sind meine eigenen Sorgen im Vergleich zu diesem grossartigen Naturphänomen nicht einfach nur lächerlich?

Welche Aussicht habe ich bezüglich meiner Zukunft? Wie überstehe ich die 13 Jahre Arbeit, die mir noch bevorstehen? Welche Schwierigkeiten kommen in meiner Familie mit Frau und Kindern noch auf mich zu?

Mit einem einzigen Schritt könnte ich alle meine Probleme hinter mir lassen. Ich hebe meinen linken Fuss leicht an. Kann ich mein Gleichgewicht halten? Ich konzentriere mich wieder auf das Panorama des Alpsteins. Dann erfasst mich erneut diese Euphorie: Diese Aussicht! Grossartig! Unfassbar mächtig und stark. Wie ein Rausch. Dieses unendliche Glück...

twb

 

 

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