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Website von Thomas Baumgartner

auf eigenem Mist gewachsen...

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 Sinnloser Tod

Carla hat noch genau eine Viertelstunde zu leben. Sie steht vor dem grossen goldgerahmten Spiegel in ihrem hübsch eingerichteten Schlafzimmer und versucht, ihr üppiges Haar mit einer Bürste zu bändigen. Ihre Kleider hat sie sorgfältig auf dem Bett ausgebreitet. Sie ist frisch geduscht und ein Hauch von Mandelöl und Veilchenduft durchzieht den Raum.

Sie betrachtet ihren Körper von oben bis unten. Mustert ihre runden wohlgeformten Brüste, die sanfte Rundung des Bauches, die leicht geschwungenen Hüften, den flaumigen Schamhügel und ihre langen und gut geformten Beine. Die Inspektion fällt zu ihrer Zufriedenheit aus. Sie atmet erleichtert auf, als hätte sie eine kleine Reifeprüfung hinter sich gebracht. Sie kann durchaus zufrieden sein mit ihrem Körper.

Dreizehn Minuten bleiben ihr noch zu leben. Sie erschrickt, als in der Küche der Teekrug zu pfeifen beginnt. Ein Schauder zuckt durch ihren Körper und überzieht ihn mit einer Gänsehaut. Instinktiv hat sie zuerst den Eindruck, jemand habe sich in der Küche bewegt. Sie spürt, wie sich ihr die Kehle zuschnürt – entspannt sich jedoch bald wieder in der Gewissheit, dass sich kein lebendiges Wesen ausser ihr in dem Apartment befindet.

Während sie sorgfältig ihren Körper eincremt, lässt sie nochmals den vergangenen Abend Revue passieren. Irgend etwas daran war seltsam. Rolf war nach dem Theaterbesuch noch auf ein Glas Wein hochgekommen. Sie hatten es sich beide im Wohnzimmer gemütlich gemacht. In den CD-Player hatte sie eine Klaviersonate von Chopin eingelegt. Rolf liebte Klaviermusik.

Sie waren sich näher gekommen anlässlich einer Vernissage von Paul Krug, einem stadtbekannten Plastiker und Aktionskünstler. Beide hatten sich in eine Holzskulptur verguckt und waren in deren Betrachtung vertieft gewesen. Erst nach einer Weile hatte sie den Blick von Rolf auf sich gerichtet gespürt.

Sie lachte ihn an. Er nahm das Gespräch auf. Seine intelligente Art über Kunst zu reden, faszinierte sie von Anfang an. Sie plauderten eine Weile zusammen. Rolf erzählte von seinem Musikstudium und von seiner Vorliebe für Kunst und insbesondere für Klaviermusik. Seine warme Stimme, sein sanfter Blick, seine feingliedrigen Finger und seine spezielle Ausstrahlung übten eine unwiderstehliche Faszination auf Carla aus. Sie verspürte ein leichtes Kribbeln am ganzen Körper, als sie sich bei der Vorstellung ertappte, mit Rolf zu schlafen. Als er ihr vorschlug, gemeinsam noch eine Kleinigkeit essen zu gehen, hatte sie nichts einzuwenden. Im Gegenteil, sie hatte sich so etwas gewünscht.

Beim Essen hatte sie noch einiges über Rolf erfahren. Er lebte schon seit längerem mit einer Freundin zusammen. In letzter Zeit hätten sie sich jedoch zerstritten. Er habe dann mehrere kurze Affären gehabt, aber nichts, das ihn befriedigt hätte. Die zwei seien einander immer mehr aus dem Weg gegangen. Schwierig sei es für ihn geworden, als seine Freundin ihm offenbarte, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Rolf habe sich sofort für eine Abtreibung ausgesprochen. In diese Beziehung passte kein Kind mehr hinein.

Je mehr Rolf von sich und seinen Lebensumständen erzählte, desto seltsamer fühlte sich Carla. Eine düstere Stimmung überkam sie. Einerseits fühlte sie sich von Rolf erotisch sehr angezogen, andererseits verabscheute sie sein offensichtliches Macho-Gehabe seiner Freundin gegenüber. Sie hasste diese Art von Selbstbewusstsein, die ihn mit einer Selbstverständlichkeit einfach ein Kind wegmachen liess.

Als sie sich vom Essen erhoben hatten und sie ihm vorschlug, noch zu einem Glas Wein zu ihr zu kommen, wusste sie selber nicht so genau, warum sie das tat.

Sie ist eben damit fertig, den Fuss einzucremen, als sie im Wohnzimmer ein Geräusch hört. Sie zuckt zusammen. Schnell wirft sie einen Blick ins Zimmer. Es ist alles wie gewohnt an seinem Platz. Die zwei leeren Weingläser – eine Erinnerung an ihren gestrigen Besuch - stehen noch auf dem Tisch. Der Rest ist ordentlich aufgeräumt. Der Teppich, den sie vor drei Tagen angeschafft hat, liegt immer noch zusammengerollt am Boden neben dem grossen Sofa. Sie hat damals noch keine Zeit gehabt, das Wohnzimmer so zu putzen und umzustellen, dass der neue Teppich richtig zur Geltung gekommen wäre. Also hat sie ihn liegen gelassen.

Sie geht zurück ins Schlafzimmer mit der Ueberzeugung, sich das Geräusch eingebildet zu haben. Die Wohnung ist ja auch sehr schlecht isoliert, man hört jedes Geräusch der Nachbarn. Sie hat noch sieben Minuten zu leben.

Ihr Apartment liegt im dritten Stock. Sie schloss die Türe auf und forderte Rolf auf, einzutreten. Rolf nahm auf dem Sofa Platz. Carla hatte noch einen Château Houissant 1992 im Regal gefunden. Sie stellte zwei Gläser auf das Tischchen, öffnete fachgerecht den Korken und schenkte beiden das Glas zu zwei Dritteln voll. Dazu reichte sie Oliven, welche sie noch im Kühlschrank entdeckt hatte.

Beim Anstossen sahen sie einander lange in die Augen. Bevor Carla merkte, wie ihr geschah, wurde sie von Rolf heftig geküsst. Sie fühlte sich so überrumpelt, dass sie instinktiv zu ihrem Rettungsschlag ausholte. Sie hatte ihn jahrelang im Karate trainiert. Mit den Fingerspitzen traf sie Rolfs Halsschlagader genau auf den Punkt. Rolf röchelte und seine Umarmung erschlaffte. Lautlos sank er neben das kleine Tischchen auf den Boden.

Carla war zutiefst erschüttert. Mein Gott, was hatte sie getan? Sie fühlte Rolfs Puls. Nichts. Rolf war tot. Getötet durch ihren Selbstverteidigungsreflex. Sie rannte ins Badezimmer und musste sich übergeben. Sie rang nach Luft. Sie griff zu den Beruhigungspillen, die ihr eine Freundin - sie hatte ein Medizinstudium angefangen - für Notfälle gegeben hatte. Sie setzte sich in den Sessel, starrte ungläubig auf Rolf, der eben so ungläubig ins Leere starrte.

Plötzlich überkam sie eine unerklärliche Ruhe. Sie atmete tief durch. Dann begann sie die Weinflasche, den Korkenzieher mit Korken und die Oliven wegzuräumen. Die Gläser liess sie stehen. Sie packte den leblosen Körper unter den Armen und liess ihn sachte auf den Boden gleiten. Sie rollte den erst kürzlich angeschafften Teppich auf, schob die Leiche darauf und formte den Teppich wieder zu einer Rolle. Diese schob sie an den Rand des Wohnzimmers neben das Sofa, wo der Teppich seit seiner Anschaffung schon gelegen hatte. Danach zog sie sich aus, nahm eine wohltuende Dusche und legte sich ins Bett. Die Bilder, die sie gesehen hatte, lösten sich langsam auf. Mit den entschwindenden Erinnerungen sank sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Eine Minute vor ihrem Tod sieht Carla plötzlich wieder klar vor Augen, was sich gestern Abend abgespielt hat. Ihr wird übel. Sie muss sich setzen. Nach einer Verschnaufpause geht sie in die Küche, um sich einen Tee einzugiessen. Dabei stolpert sie über den Teppich, der leicht verändert vor der Küchentüre liegt. Sie schlägt mit dem Genick direkt auf die Kante des Kochherdes. Als Rolf es endlich geschafft hat, Arme und Kopf aus der Teppichhülle herauszustrecken, sieht er nur noch die Füsse von Carla, welche seltsam verrenkt neben ihm auf der Türschwelle aus der Küche ragen.

 

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