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Website von Thomas Baumgartner

Tiefe Schnitte               

messer bank 

Anfangs war Werner die Entscheidung schwer gefallen. Dann hatte er sich genau überlegt, wie er es anstellen sollte. Er hatte das Ganze mehrmals durchgespielt. Jede Kleinigkeit war bis ins Detail geplant. Die benötigten Utensilien waren sorgfältig in ein Lederköfferchen gepackt. Ein scharfer spitzer Dolch, den er erst kürzlich hatte schleifen lassen. Die Klinge war frisch geölt. Es sollte eine saubere Schnittstelle werden. Ein paar stählerne Handschellen. Ein weisses feinfaseriges Tuch. Dazu hatte er eine Tasche vorbereitet, in welche er weitere Gegenstände, die er für seine Tat brauchte, eingepackt hatte.

Seiner Mutter hatte er gesagt, er würde für ein paar Tage nach Rom verreisen. Auch Bekannte und Verwandte hatte er über seine Reise informiert. Im Geschäft hatte er frei genommen, er hatte noch Ueberstunden einzuziehen gehabt . Sicherheitshalber hatte er sich auch ein Ticket für zwei Personen nach Rom gekauft. Niemand wusste über seine wirklichen Absichten Bescheid.

Für sein Vorhaben hatte er sich einen speziellen Ort ausgesucht. Es war eine Stelle im Köhlerwald. Ziemlich abgelegen, jedoch über schmale Spazierwege gut erreichbar. Der Ort befand sich auf einer kleinen Lichtung, die ringsum von dichten Sträuchern und teilweise frisch aufgeforstetem Unterholz umwachsen war. Er war in den letzten Wochen mehrmals dort gewesen und hatte sich die Umgebung eingeprägt. Der Boden war flach, meist von dunkelbrauner Erde überzogen, dazwischen teilweise steinig und von feinen Moosflächen durchsetzt. Kleine Grasbüschel und ein paar Farne trennten den Platz vom Dickicht ab. Durch eine Oeffnung im Blätterdach flutete helles Licht ins Zentrum der Lichtung. Genau dort stand eine Holzbank. Sie war erst vor kurzem durch das Forstamt neu aufgestellt worden und strahlte in einem unnatürlich leuchtenden Rot.

Er war mit Ursina mehrere Male hier gewesen. Es war ihr gemeinsamer Treffpunkt, von dem niemand etwas wusste. Er war ihr Geheimnis. Jetzt hatte sich alles verändert. Es musste einmal soweit kommen. Er hätte nie gedacht, das er zu so etwas fähig sein könnte.

Werner besuchte voller Spannung den Ort nochmals. Ein letztes Mal, bevor es geschehen sollte. Er hatte sein Auto dort geparkt, wo er es morgen, wenn es soweit war, auch parken würde. Sorgfältig schritt er nochmals die ganze Lichtung ab. Er schaute im Gebüsch hinter der Bank nach, ob die Tasche, die er schon das letzte Mal dort deponiert hatte, noch da war. Es war alles in Ordnung, die Gegenstände, die er brauchte, alle an ihrem Platz. Er müsste nur noch das letzte Zubehör mitbringen, der Rest lag in der Tasche bereit. Für die Zeit danach hatte er ein Zimmer gemietet in einer kleinen Pension im angrenzenden Ort. Es war ein Zimmer mit Waldblick.

Heute war es soweit. Werner hatte mit Ursina am üblichen Treffpunkt am Ortsausgang unter der kleinen Ulme abgemacht. Ursina stieg in den Wagen und begrüsste Werner mit einem Kuss. Werner erwiderte ihn. Ja nichts anmerken lassen, dachte er sich. Da er – obwohl er äusserlich ruhig zu wirken glaubte – leicht nervös war, starb der Motor nach dem ersten Starten nochmals ab. Ursina musste lachen. So fahrig hatte sie ihn noch nie erlebt. Was war nur los mit ihm? Sie fuhren den üblichen Weg zum Waldrand. Parkten das Auto auf einem kleinen, von allen Seiten von Büschen und Bäumen gut geschützten und schattigen Parkplatz.

Aus dem Kofferraum nahm Werner einen Korb und sein Lederköfferchen. Ursina stutzte: „Was hast du denn da?“ „Wart’s ab! Ueberraschung!“ Ursina schaute verdutzt nochmals auf den Lederkoffer, trottete dann aber guten Mutes und gespannt auf den üblichen Pfaden zu ihrem geheimen Platz hinter Werner her. Dieser wirkte heute angespannter als sonst. Während er zielstrebig vorwärts schritt, schaute er öfter, mehr als sonst üblich, zurück, als ob er sich vergewissern wollte, ob Ursina ihm auch wirklich folgte. Seine kleinen Neckereien, die er sonst so gerne mit ihr trieb, blieben heute aus. War etwas nicht in Ordnung?

Auf der Lichtung angekommen inspizierten sie sorgfältig ihren Platz. Alles schien in Ordnung mit ihrem geheimen Liebestreff. Nach üblichem Ritual zogen sich beide aus. Sie umarmten sich und küssten sich heftig. Werner schien nicht so richtig bei der Sache zu sein. Er hatte den Korb auf den Boden und sein seltsames Lederköfferchen auf die Bank gestellt. Wie immer hatte Werner für eine Decke gesorgt, die er sorgfältig auf der Sitzfläche der Bank ausbreitete. Plötzlich hielt Werner in seiner Umarmung inne. Ursina erschrak. „Mach die Augen zu, Kleines“. Ursina gehorchte. Während Werner sie weiter küsste, schien er mit der rechten Hand an etwas herum zu hantieren.

Werner tastete nach dem Koffer. Er konnte ihn problemlos, wie er dies mehrmals geübt hatte, öffnen. Er spürte den Griff des Messers. Langsam zog er es zu sich. Er umarmte Ursina heftiger und gelangte mit dem Messer hinter ihren Rücken. „Lass die Augen geschlossen, es gibt eine Ueberraschung“. Ursina vertraute ihrem Werner. In dem Moment stach dieser zu. Mit heftigen Bewegungen führte er die Klinge mehrmals an die gleiche Stelle.

Als Ursina die Augen nach längerem Ausharren und etlichen seltsamen Geräuschen wieder öffnen durfte, war Werner gerade dabei, sein Messer sorgfältig abzuwischen. Gleichzeitg sah sie, dass sie mit einer Handschelle an seine linke Hand gefesselt war. An beiden Händen trug er weisse Handschuhe. Werner nahm eine Flasche Champagner aus dem Korb und füllte mit der freien rechten Hand zwei Gläser. Auch das hatte er sorgfältig mehrmals geübt. „Schau hier!“ Ursina drehte sich um und sah zu ihrem Erstaunen, was Werner angerichtet hatte.

„Das hier und die Handschellen sind Zeichen meiner Liebe zu dir! Ich möchte ewig zu dir gehören. Ich möchte dich heiraten.“ Ursina fiel aus allen Wolken. Das hätte sie ihm nie zugetraut. Er war zwar nie richtig verklemmt gewesen, aber irgendwie hatte sie regelmässig Hemmungen bei ihm gespürt, wenn sie miteinander sprachen. Sie war hoch erfreut. Sie stiessen mit dem Champagner an. Nachdem er die Handschellen wieder geöffnet hatte, servierte er ihr mit den weissen Handschuhen und einem fein faserigen Serviertuch bestückt ein üppiges Picknick. Tischchen, Gedeck und Weinkühler hatte er aus einer Tasche im Gebüsch gezaubert. Die Esswaren nahm er aus dem Korb. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit liebten sie sich mitten auf der Waldlichtung. Danach fuhren sie in eine Pension in der Nähe, wo sie im Zimmer mit Waldblick übernachteten. Am nächsten Tag fuhren sie mit dem Zug nach Rom um noch ein paar Flittertage zu verbringen. Werner hatte es geschafft.

Zurückgeblieben war eine unnatürlich leuchtende rote Bank. Mitten in der Rückenlehne war ein grosses Herz mit den Initialen W+U eingeritzt. Die Schnittstellen waren tief und gestochen scharf. Sie mussten von einem gut geschliffenen Messer stammen. Am Boden lagen ein paar neue, noch beinahe ungebrauchte Handschellen.

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