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Website von Thomas Baumgartner

Flow

 

Die Sehnsucht nach Lebendigkeit

Ein alter Freund von mir (er war damals über 70), inzwischen ist er leider schon gestorben, hat zu mir, als ich noch jung und rüstig war, gesagt: im Alter wirst du entweder weise oder ängstlich. Er wurde über neunzig und ich habe ihn nie ängstlich erlebt. Ich selber halte – aufgrund auch meiner eigenen Erfahrungen - immer noch an meiner Vision von zunehmender weiser Gelassenheit fest. Weisheit, das richtige Tempo für jede Art von Tätigkeit zu finden, und die Geduld und Klugheit, die richtige Balance zwischen Herausforderung und Entspannung zu treffen.

Wie bleibt man lebendig?

Dazu stellt sich mir die Frage, wie halte ich mein Dasein trotz zunehmendem Alter lebendig, im richtigen Fluss? Wie finde ich die nötige Ruhe und Zeit, meine Bedürfnisse zu erkennen und in mich hineinzuhorchen? Wie finde ich die richtige Balance zwischen beschäftigt sein und einfach nur sein? Viele Menschen, und wahrscheinlich auch du, haben schon die Erfahrung des Flow-Zustands gemacht. Wie kann ich diesen Zustand der Zufriedenheit und des Glücksgefühls erreichen?

Der Begriff Flow stammt von Mihaly Csikszentmihalyi, der damit das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit beschreibt. Im Flow sind unser Fühlen, unser Wollen und unser Denken in Übereinstimmung. Während wir auf bestimmte Art einer Tätigkeit nachgehen, spielen für uns weder die Zeit, noch die Umgebung, noch wir selbst eine Rolle und das Handeln geht mühelos vonstatten. Das heisst, eigentlich sind wir eben ganz bei uns selbst und bei der Sache.

Verschiedenste Tätigkeiten können den Flow-Zustand erzeugen. Bei seiner Forschungsarbeit fand Csikszentmihalyi folgende wesentlichen Bestandteile, die flowerzeugende Aktivitäten gemeinsam haben (nicht alles muss gleichzeitig vorhanden sein):

Wir sind im richtigen Ausmass gefordert

Wir spüren eine Herausforderung, wir haben die entsprechenden Fähigkeiten dazu, diese zu bewältigen. Herausforderung und Fähigkeit passen zusammen. Oder anders gesagt, wir sind weder unter- noch überfordert. (Es ist tatsächlich so, dass auch Schüler/innen mit entsprechend herausfordernden Arbeitsaufträgen unter diesen Bedingungen in den Flow-Zustand kommen können)

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Wir konzentrieren uns voll auf unser Tun

Wir können uns vollständig konzentrieren und werden durch nichts abgelenkt. Die volle Konzentration auf ein begrenztes Feld, erlaubt es, tief in eine Aktivität einzutauchen. Wir hinterfragen unsere Aktivität nicht. Unsere volle Achtsamkeit ist dem momentanen Tun gewidmet. Gleichzeitig (oder auch: deswegen) sind Probleme und Sorgen des Alltags aus unserem momentanen Bewusstsein verdrängt.

Wir haben ein klares Ziel vor Augen

Wir haben einen Plan, eine Vorstellung, wie wir vorgehen müssen, um zum Ziel zu kommen. Zudem tun wir oft intuitiv das Richtige und sind verbunden mit der Sache, bzw. Tätigkeit.

Wir sehen oder erleben ein unmittelbares Resultat

Vor allem viele sportliche Disziplinen sowie künstlerische Betätigungen bieten unmittelbare Rückmeldungen. Diese gehören deshalb zu den „klassischen” Flow-Aktivitäten. Wir sind in diese Tätigkeit vollständig eingebunden. Sie beschert uns fortlaufend ein unmittelbares Erfolgserlebnis. Und sie macht in der Regel Spass und gibt uns Befriedigung.

Wir haben das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben, es läuft wie von selbst.

Charakteristisch für den Flow-Zustand ist ein verstärktes Gefühl von Kontrolle über die eigenen Handlungen. Dem Kontrollgefühl im Flow haftet aber nichts Zwanghaftes an. Es ist vielmehr ein integraler Bestandteil der Flow-Erfahrung und bezeichnet einen Zustand der Gelöstheit und Angstfreiheit. Dabei ist es nicht wichtig, ob wir tatsächlich die Kontrolle haben - unser Gefühl für die Kontrolle ist entscheidend. Es fliesst, wir sind im Fluss.

Wir können etwas mühelos bewältigen

Wir sind ganz in uns selber. Die Leichtigkeit des Handlungsablaufs gab der Flow-Erfahrung ihren Namen. Alles läuft harmonisch und mühelos, auch wenn die Aktivität, wie z.B. ein Tennismatch oder das Spielen eines Solokonzertes, von außen betrachtet einen beträchtlichen Energieeinsatz verlangt. Manchmal erlebt man sogar eine Art Ausweitung über die Körpergrenzen hinweg. Es ist keine Zeit, über irgendetwas nachzugrübeln– wir sind ganz im hier und jetzt.

Das Zeitgefühl verändert sich

Wir haben das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht. Wir vergessen die Zeit. Im tiefen Flow ist das normale Zeitgefühl aufgehoben. Man spricht daher auch von einem „zeitfreien” Flow-Modus.

Sämtliche Tätigkeiten oder Erlebnisse können in uns den Flow-Zustand erzeugen: die Arbeit, ein Hobby, Sportaktivitäten, kulturelle Veranstaltungen, das Leben in unserer Partnerschaft oder ein Treffen im Freundeskreis. Der Handelnde erlebt sich nicht mehr als getrenntes, isoliertes Selbst, er ist eins mit seiner Tätigkeit. Dieses Einheitsgefühl kann sich sowohl auf die unmittelbare Tätigkeit, Umgebung (Natur) wie auch auf eine Gruppe von Menschen ausdehnen, sofern es sich um eine gemeinschaftlich mit anderen ausgeübte Tätigkeit handelt (Team-Flow).

In uns ist für dauerhafte Zufriedenheit der Drang nach Wachstum bzw. Weiterentwicklung naturgemäss angelegt. Deswegen sind wir versucht, alles immer irgendwie noch zu verbessern, sprich: zu kultivieren. Eine Mahlzeit mag hervorragend schmecken - wenn wir sie immer wieder essen, verliert sie ihren Reiz. Unsere Arbeit mag uns gefallen - wenn sie tagaus tagein immer gleich bleibt, wird sie langweilig. Unser Partner mag uns faszinieren - wenn wir uns nicht gemeinsam weiterentwickeln, kommt es wahrscheinlich zur Krise.

Hier ein paar Beispiele, die sich hervorragend eignen, den Flow-Zustand zu erleben:

Wenn du gut auf den Skiern zurechtkommst und du an einem Hang so richtig schön ins Schwingen oder Kurzschwingen gelangst, kannst du ein wunderschönes Flow geniessen. Hör dir ein schönes Live-Konzert an und du bekommst Flow-Zustand mit zusätzlicher Hühnerhaut serviert. Wenn ich im Spätsommer oder im Herbst auf Pilzsuche gehe, vergesse ich, wo ich bin, wie steil es ist oder durch welches Gestrüpp ich mich schlängeln muss. Der Pilz in spe lässt mich flowen. Das Malen im Atelier oder manchmal auch das Schreiben von Geschichten versetzt mich immer mal wieder in den Flow.

twb

Literatur:

Mihaly Csikszentmihalyi
Das Flow-Erlebnis. Klett-Cotta
Flow. Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta
Flow im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Klett-Cotta
Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Klett-Cotta
Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben. Eine Psychologie für das 3. Jahrtausend. Klett-Cotta

 

Zitat

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit mit etwas beschäftigen oder gleichsetzen, werden wir Glück empfinden, solange wir darin vertieft sind. Dieses Glücksgefühl kommt von unserem eigenen Selbst, wenn es auf etwas konzentriert ist, in dem wir aufgehen. Es ist seine eigene Widerspiegelung des Glücks, nicht etwa ein vorhandenes Glück in der Sache selbst, mit der es sich beschäftigt. Es ist so lange glücklich wie es ganz eins mit dieser Sache ist, von ihr in Anspruch genommen, mit ihr identifiziert.

Kirpal Singh

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